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Neues vom Großen Bruder
VON MATTHIAS THIEME
Frankfurter Rundschau
Gibt kein gutes Bild ab: der Nestlé-Konzern
+ Gibt kein gutes Bild ab: der Nestlé-Konzern (ap)
Sara Meylan nannte sich die schüchterne junge Frau, die im Jahr 2003 bei den Globalisierungskritikern von Attac im schweizerischen Waadt auftauchte. Ihr Interesse galt vor allem einem kritischen Buchprojekt über den Nestlé-Konzern, das die Attac-Leute planten. Sie beteiligte sich ein Jahr lang an den Recherche-Treffen der sieben Autoren, kam in deren Privatwohnungen, las entstehende Buchkapitel, erfuhr Namen von Informanten - und verriet alles an den Konzern.
Jetzt flog auf: Sara Meylan gibt es nicht. Die Frau, die sich so nannte, war eine Agentin der größten Schweizer Sicherheitsfirma Securitas und schlich sich unter einem Decknamen in die Attac-Gruppe ein. Auftraggeber der Spionage-Aktion soll nach Recherchen des Schweizer Fernsehsenders TSR der Nestlé-Konzern sein.
Ausgerechnet Nestlé, der berüchtigte Nahrungsmittelriese, der mit seinen harten Geschäftspraktiken seit Jahrzehnten immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Oft schon war der Name des Weltkonzerns mit Skandalen verbunden. Hatte der Gigant etwa Angst vor einer Gruppe junger Menschen, die über die brutalen Seiten der Globalisierung schreiben wollten?
Vieles sieht danach aus. "Es gab offenbar einen speziellen Auftrag von Nestlé, die Attac-Gruppe wegen des Buchprojekts auszuspähen", sagt Fernsehjournalist Jean-Philipp Ceppi der FR. Die Securitas-Agentin habe sich nachweislich im März 2004 mit dem Sicherheitschef und dem Kommunikationsleiter von Nestlé in der Konzernzentrale in Vevey getroffen, um Bericht zu erstatten. "Für den Konzern war es offenbar eine Frage der Sicherheit und des Images", berichtet Ceppi.
"Das war ein Schock", sagt Florence Proton, Schweizer Attac-Generalsekretärin, "Nestlé hat uns ausspioniert." Man werde den Konzern wegen unerlaubten Eindringens in die Privatsphäre der Autoren und wegen des Bruchs von Datenschutzgesetzen verklagen. "Es wurden Leute überwacht, die nur ein Buch geschrieben haben", sagt Proton.

"Nestlé - Anatomie eines Weltkonzerns" heißt das Buch der Attac-Gruppe, dessen Entstehungsgeschichte nun ein Schlaglicht auf das paranoide Verhalten des Unternehmens wirft. Zusammen mit anderen Großkonzernen soll Nestlé die Sicherheitsfirma Securitas beauftragt haben, rund um den G-8-Gipfel in Evian im Juni 2003 für Ordnung zu sorgen.
Die Securitas-Abteilung "Investigation Services", zuständig für Observationen, übernahm die Aufgabe. "Der G-8-Gipfel war außergewöhnlich und wir haben ausnahmsweise außergewöhnliche Mittel angewandt", sagte Securitas-Generalsekretär Reto Casutt dem Sender TSR. Mit der Einschleusung von Agenten habe man einen "Informationsvorsprung" bekommen wollen, welche Veranstaltungen und Aktionen die Globalisierungskritiker planten. Erkenntnisse über Straftaten habe man an die Polizei weitergeleitet. Dazu seien Sicherheitsfirmen in der Schweiz verpflichtet.
Doch die Verantwortlichen können bislang nicht erklären, warum die Überwachung der Attac-Autorengruppe dann offenbar erst nach dem G-8-Gipfel begann. "Wir haben erst im Herbst 2003 beschlossen, ein Buch zu schreiben", sagt Co-Autorin Beatrice Schmid. Die Agentin sei erst dann zu der kleinen Gruppe des Buchprojekts dazugestoßen. Wenn es stimme, dass die Einschleusung im Rahmen des G-8-Gipfels erfolgte, "verstehen wir nicht, warum die Überwachung ein Jahr lang fortgesetzt wurde", so Attac-Generalsekretärin Proton.
Die Agentin "kam oft später oder ging früher und sagte, ihr Freund wohne in Lausanne", erinnert sich Schmid. Inhaltlich habe sie sich wenig an den Diskussionen beteiligt. "Super, was Ihr macht", lauteten ihre Mails zum Buchprojekt. Bei der Präsentation des Buches im Juni 2004 habe sie dann plötzlich nicht mehr dabei sein wollen. "Sie wollte auf keinen Fall auf dem Foto sein", sagt Schmid. "Dann war sie plötzlich weg, hatte kein Telefon und keine E-mail-Adresse mehr."
Ein Jahr lang hatte die Frau mit dem falschen Namen den Entstehungsprozess des konzernkritischen Buches Schritt für Schritt mitbekommen. Konnte jede E-mail lesen, die sich die Autoren schrieben. Hatte Zugang zu den privaten Räumen der Mitglieder. Kannte deren Recherche-Probleme, deren Gesprächspartner und spitzte bei Diskussionen juristischer Probleme die Ohren - Überwachung total.
Eine exzessivere Kontrolle ist kaum vorstellbar. "Nestlé war voll mit dabei", sagt Schmid, "die konnten uns praktisch über die Schulter schauen." Ob die Gruppe mit kolumbianischen Gewerkschaften über Ausbeutung sprach oder mit französischen Bauern kommunizierte - der Weltkonzern hörte mit.
"Im Nachhinein fällt es einem wie Schuppen von den Augen", sagt Schmid über die Zusammenarbeit mit der vermeintlichen Mitstreiterin." Aber sie sei auch gut ausgewählt gewesen und habe den Eindruck einer interessierten Anfängerin gemacht.
Ob die Agentin auch Gespräche mitschnitt, Dokumente entwendete oder fotokopierte, ist vorerst noch nicht geklärt. Mit Strafanzeigen wollen die Attac-Autoren auch herausfinden, ob personenbezogene Datenbanken angelegt wurden. Gerichte werden bald klären müssen, ob Nestlé und Securitas auf illegalem Wege Daten beschafft und geheime Dossiers angelegt haben.
Der Konzern will von all dem nichts gewusst haben. Mit Hilfe von Securitas habe man sich nur gegen Protestaktionen beim G-8-Gipfel schützen wollen, heißt es offiziell. Alles sei legal abgelaufen.
Interview : "Die Agentin hat alles mitbekommen"
Frau Schmid, wann haben Sie gemerkt, dass Sie von Nestlé bespitzelt werden?
Vor zwei Monaten hat uns ein Journalist des Westschweizer Fernsehens angesprochen, der den Fall ein halbes Jahr lang recherchiert hat. Demnach hat Nestlé die private Schweizer Sicherheitsfirma Securitas beauftragt, uns zu bespitzeln.
Wie lief das konkret?
Während des G-8-Treffens im Juni 2003 in Evian soll die Schweizer Sicherheitsfirma Securitas von mehreren Konzernen den Auftrag erhalten haben, globalisierungskritische Gruppen zu überwachen. Bei Attac haben sie eine Agentin unter einem Decknamen in unsere Arbeitsgruppe eingeschleust. Sie hat dann - lange nach dem G-8-Gipfel - an der Redaktion unseres Buches "Nestlé - Anatomie eines Weltkonzerns" teilgenommen, das wir ab September 2003 geschrieben haben. Sie hat uns ein Jahr lang überwacht.
Wie liefen diese Treffen ab?
Es gab zwei verschiedene Arten von Treffen. Wir waren eine Arbeitsgruppe von Attac Waadt. Das ist offen und da kam sie dazu, wie viele neue Leute. Als wir uns im Herbst 2003 entschieden haben, ein Buch über Nestlé zu schreiben, hat sie sich sehr interessiert gezeigt und wollte mitmachen. Das Autorenkollektiv bestand nur aus acht Leuten. Wir hatten aus vertraulichen Gründen eine separate Mail-Liste, mit der wir uns die Artikel zugeschickt und darüber diskutiert haben.
Zur Person
Beatrice Schmid ist Germanistin und Historikerin und Mitglied in der Attac-Gruppe Waadt in der Schweiz.
Mit sechs anderen Autoren zusammen schrieb Schmid das Buch "Nestlé - Anatomie eines Weltkonzerns" (Rotpunkt Verlag). Dabei wurden sie offenbar von einer Nestlé-Agentin bespitzelt.
Derzeit beschäftigt sich die Gruppe mit den Auswirkungen der Wasser-Geschäfte des Konzerns. |
Die Agentin war auch im Verteiler?
Ja, sie hat die Diskussionen um Formulierungen und um heikle Passagen mitbekommen. Und sie kam auch zu den Treffen der Autorengruppe, die in unseren privaten Wohnungen stattfanden. Wir haben uns immer wieder bei jemand anderem getroffen. Sie war sicher in drei Privatwohnungen. Wir haben auch einmal eine Juristin eingeladen, die uns beraten hat, welche Stellen des Buches besonders heikel sind oder umformuliert werden sollten. Das hat die Agentin auch mitbekommen. Sie wusste unsere Quellen, die Fachleute, die wir kontaktiert haben, die Vorbereitung zur Veröffentlichung des Buches. Sie wusste genau, mit wem wir Kontakt hatten und wer wann kommt.
Haben Sie nichts gemerkt?
Es ist erstaunlich - wir hatten keinen Verdacht. Sie ist gekommen und ist dann einfach wieder verschwunden. Sie sagte, sie arbeite bei einer Versicherung und ihr Freund wohne in Lausanne. Deshalb kam sie manchmal später oder ging früher. Wir haben uns nicht angefreundet, aber wir fanden es gut, dass mal jemand Neues mitmacht. Sie war immer sehr zurückhaltend. Ich habe sie als eine eher scheue Anfängerin bei Attac gesehen, die etwas schüchtern ist, aber sehr interessiert.
Können sich Gruppen wie Attac gegen solche Agenten schützen?
Wir sprechen viel darüber. Aber wir wollen nicht den Ausweis von neuen Mitgliedern kontrollieren. Wir wollen eine offene Gruppe sein, aber wir werden vorsichtiger sein.
Haben Sie Angst bekommen, als Sie erfuhren, dass Sie ausgespäht wurden?
Ja, das macht Angst. Man stellt sich sehr viele Fragen. Wir wissen nicht, ob wir immer noch überwacht werden und wie sicher Mails und Telefone sind. Das war schon ein Schock. Aber man darf auch nicht paranoid werden.
Hat die Agentin denn nur zugehört oder auch fotografiert, aufgenommen et cetera?
Es ist uns nichts aufgefallen. Wir können uns nicht erinnern, dass sie sich Notizen gemacht hat. Aber ihre Berichte sollen sehr detailliert gewesen sein. Da fragen wir uns schon, ob sie so ein super Gedächtnis hat oder uns doch aufgenommen hat.
Was geschah dann mit den Berichten?
Die hat sie für ihre Firma Securitas angefertigt und die haben sie an Nestlé, den Auftraggeber, weitergeleitet. Wir wissen auch von einem Treffen, bei dem die Agentin mit ihrem Securitas-Vorgesetzten zur Nestlé-Zentrale nach Vevey gefahren ist und dort den Sicherheitschef und den Kommunikations-chef getroffen hat.
Was hätte die interessieren können?
Wir haben da gerade Kapitel geschrieben über Arbeits-Konflikte in Kolumbien und hatten Kontakt zu Gewerkschaftern von dort - da wird das Ganze sehr delikat. Außerdem ist es interessant zu wissen, wer die Verfasser des Buches sind, wie wir uns organisieren und mit wem wir in Kontakt sind.
Wehren Sie sich gegen die Spionage?
Wir erstatten Strafanzeige wegen Verletzung der Privatsphäre und des Datenschutzgesetzes. Auch zivilrechtliche Schritte erwägen wir. Datenschützer und Politiker in der Schweiz haben sich eingeschaltet. Es gibt Rechtsprofessoren, die sagen klar: Solche präventive Informationsbeschaffung ist ausschließlich Sache von staatlichen Behörden, die sich dabei an den gesetzlichen Rahmen halten müssen. Was hier passiert ist, war illegal.
Interview: Matthias Thieme
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