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Hundert Jahre Steuerparadies

Hundert Jahre Steuerparadies

der Finanzplatz Schweiz wäre ohne die Politik der gezielten steuerlichen Vorteile für ausländische Unternehmen nicht, was er heute ist.

Der Fluchtkapitalstrom in Richtung Genf, Basel und Zürich begann ab 1870 wegen allgemein steigender Steuerlast in den Nachbarländern. Wegen Investitionen z.Bsp. zugunsten des Militärs und abzutragenden Kriegsschulden, war eine Steuererhöhung in anderen Ländern, nicht so aber in der Schweiz, erforderlich. Sowohl Deutsche als auch Franzosen und Italiener brachten daher (und wegen gut organisierter Beihilfe zur Steuerhinterziehung) ihr Vermögen in der steuergünstigen Schweiz unter. Darauf reagierten die Basler Banken, indem einige sich bereits 1962 zur Basler Handelsbank, und andere 1872 zum Basler Bankverein zusammenschlossen. Diese Grossbanken gründeten eine Börse. Ein Grossteil des Steuerfluchtkapitals sollte später im Ausland reinvestiert werden. Deswegen erarbeiteten sich die Basler Grossbanken in London, Mailand, Paris und Berlin das erforderliche Know-how für die Verwaltung und Vermehrung des Geldes ausländischer Kapitalisten. Die erste schweizerische Auslandfiliale wurde von dem Schweizerischen Bankverein (heutige UBS) in London gegründet. Ermöglicht durch das Fehlen eines gesamtschweizerischen Rechtssystems privilegierten einige Kantone ausländisches Kapital für Gesellschaften, die in der Schweiz einen Rechtssitz, aber keine Geschäftstätigkeit hatten. Im 1. Weltkrieg wurde der freie Kapitalverkehr durch verstärkte Kontrollen unterbrochen um nach dem Krieg erneut aufzublühen. Die Steuerflucht wurde jedoch im Gegensatz zur Vorkriegszeit nach 1919 von den europäischen Regierungen bekämpft. Deswegen wurde das ausländische Kapital im Dreieck Zürich-Zug-Liechtenstein anonymisiert und damit unauffindbar für ausländische Staaten gemacht. Dies war möglich, indem das Fluchtkapital mit einer Schweizer Sitzgesellschaft (Briefkastenleerer war ein Schweizer Treuhänder) rechtlich verselbständigt wurde, d.h. nicht mehr direkt an einen Eigentümer festgemacht werden konnte. Dadurch wuchs die Zahl dieser Briefkastenfirmen in der Schweiz vehement. 1932 platzte ein grosser Fluchtgeldskandal, wobei ein Direktor der Basler Handelsbank in Paris verhaftet wurde. Der französische Geheimdienst hatte gegen Bezahlung von Schweizer Banken Informationen über eine Verbindung des Direktors zu einem franko-schweizerischen Netz von Geldschmugglern erhalten. Um ein solch ungetreues Verhalten von Bankangestellten in Zukunft zu vermeiden wurde die Preisgabe der Namen der Bankkunden als Offizialdelikt unter Strafe gestellt : Das Bankgeheimnis war geboren. 1938/40 gründeten die drei grössten Schweizer Banken (Bankverein, Kreditanstalt und Bankgesellschaft) Tochtergesellschaften in New York. Somit konnten die drei Banken während dem 2. Weltkrieg neutral bleiben und den Krieg überleben. Gian Trepp bezeichnet dies als wichtigste Innovation des Finanzplatzes Schweiz (noch vor dem Bankgeheimnis). Tatsächlich, gingen die anderen Grossbanken, die auf einen Sieg des Deutschen Reiches spekulierten, allesamt bankrott. Nach dem Krieg liessen sich wieder reiche Franzosen, Deutsche und Italiener auf dem Schweizer Finanzplatz nieder und im Jahre 1990 war der Finanzplatz Schweiz weltweit zum grössten Zentrum der Verwaltung ausländischen Privatkapitals herangewachsen. Politik und Finanzplatz arbeiteten hieran zusammen : Die Banken verbesserten die Transaktionsabläufe und die Politik gab dem Finanzplatz ein juristisches Gewand.

Mit Ende des kalten Krieges kam es nach und nach zur Globalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte. Weltweite Steuersenkungen schwächten die herkömmlichen Methoden der Steuerhinterziehung in der Schweiz, da die Kosten und Risiken der Anonymisierung von Steuerfluchtkapital im Verhältnis zu hoch wurden. Seit September 2001 ist das Bankgeheimnis von Seiten der USA bedroht, da diese Volleinsicht in die Schweizer Banken fordert und sonst die US-Banklizenz für Crédit Suisse und UBS streichen will. Auch die EU übt in diese Richtung ständigen Druck auf die Schweiz aus. Ausserdem ist es ein Frage der Zeit bis andere Grossstaaten wie China und Indien, die Milliarden an die Schweizer Banken verlieren, dazu stossen. Die bisherige Anonymisierung kann sich daher schwierig langfristig über Wasser halten. Die Steueroptimierung wird daher inzwischen durch eine degressive Einkommenssteuer und steuerfreien Kapitalgewinn hergestellt.

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Online am 5 novembre 2007

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